Interview mit »Ein Buch für Hansi« Autorin Sandra Niermeyer

Veröffentlicht am: 7. März 2022

Liebe Sandra, danke, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über »Ein Buch für Hansi« zu schnacken. Als ich letztes Jahr den Erstentwurf lesen durfte, hat mich das Buch schon zu Tränen gerührt. Du hast es auf Anhieb geschafft, Hansi und seine Präsenz einzufangen, ohne ihn zu diesem Zeitpunkt überhaupt getroffen zu haben. Wie hast du das geschafft? Wie sah dein Rechercheprozess aus und was hat dich beim Schreiben inspiriert?

Hansi lebte von 2017 bis 2021 im Dorf Sentana.

Danke, es freut mich natürlich zu hören, dass ich Hansi und seine Eigenart gut getroffen habe. Über Hansi zu schreiben, war für mich eine große Herausforderung. Ich habe noch nie über eine echte Person oder ein echtes Tier geschrieben, und es war mir sehr wichtig, seine Persönlichkeit genau einzufangen und ihm in seiner Eigenheit gerecht zu werden. Ich habe Videos und Fotos von Hansi gesehen und mir wurden Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben zur Verfügung gestellt.

Bevor ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mir die Frage gestellt: Was würde Hansi wollen, das ich über ihn schreibe? Diese Frage habe ich lange in mir bewegt, und die Frage habe ich auch Nina Plaß gestellt, die ihn als Gnadenhof-Mitarbeiterin wohl am besten kennt und kannte. Im Grunde hat sie die Frage so beantwortet, wie sie sich auch innerlich schon bei mir geformt hatte. Darum denke ich, dass Hansi auf jeden Fall an dem Buch mitgewirkt hat und dass man durch das Einstimmen auf ein Tier tatsächlich erfahren kann, was es mitteilen möchte.

Wie war für dich dann das erste, aber leider letzte Treffen mit Hansi im Dorf Sentana? Was waren die ersten Gedanken, die dir in den Kopf geschossen sind, als du ihn das erste Mal mit deinen eigenen Augen gesehen hast? Was war dein Eindruck vom Dorf selbst?

Ich war sehr aufgeregt, Hansi das erste Mal in Wirklichkeit, nicht nur auf einem Video, zu sehen. Der erste Entwurf des Buchs war zu dem Zeitpunkt ja schon fertig, und ich habe mich gefragt, ob der Hansi, den ich antreffe, wohl mit dem Hansi in meinem Entwurf übereinstimmt. Als ich dann in seinen Stall trat und ihn schlafend auf dem Stroh sah, habe ich seine Persönlichkeit im Grunde gleich wiedererkannt. Er machte ja eigentlich gar nichts, lag nur dort und schlief, und trotzdem dachte ich gleich, dass seine Ausstrahlung genau zu der passt, die ich mir beim Schreiben vorgestellt habe.

Als Nina dann mit mir in den Stall gegangen ist, durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Schwein streicheln. Hansi hat ein bisschen mit dem Ohr gewackelt, als ich ihn gestreichelt habe. An der Stelle hinter den Ohren war er ganz weich, und ich hatte hinterher lauter Schmutzröllchen an den Fingern. Das fand ich lustig, weil sie bestimmt von seinen Suhlebädern kamen.

Gefallen hat mir auch, dass die Hängebauchschweinchen sich gleich zu der Streichelaktion hinzugesellt haben. Eins legte sich sofort vor mich und wollte auch gestreichelt werden, ein anderes nahm auch gleich Kontakt auf und biss mir ins T-Shirt. Obwohl Hansi ja scheinbar die ganze Aktion verschlafen hat, hatte ich trotzdem den Eindruck, dass er genau mitbekommt, was passiert. Das Dorf wirkt auf mich sehr freundlich. Mir gefällt die Bauart der Häuser, der Ställe, und die Tiere wirken alle ganz zufrieden und glücklich.

»Ein Buch für Hansi« ist ein emotionales Buch, das zum Hoffen einlädt. Du hast einen wunderbaren Ausgleich zwischen Hansis trauriger Vergangenheit und seinem neuen, glücklichen Leben in seiner Für-immer-Suhle gefunden. Wie wichtig war es für dich, dass das Buch trotz des autobiografischen Charakters nicht zu schwermütig wurde?

Für mich stand beim Schreiben die ganze Zeit im Vordergrund, dass Hansi ja jetzt nicht mehr so schlimm in einer Betonbucht auf Spaltenboden gehalten wird, dass das vorbei ist, dass er jetzt ein glückliches Leben hat, mit allem, was ein Schwein braucht und gerne mag. Für mich war die Geschichte die ganze Zeit eine Happy-End-Geschichte. Also das Schöne stand für mich beim Schreiben und auch beim Nachdenken über ihn im Vordergrund.

Hansis Lebensgeschichte erscheint am 15. März

Auch jetzt, da Hansi gestorben ist, ist es für mich immer noch eine Happy-End-Geschichte, weil er den zweiten Teil seines Lebens glücklich leben durfte, weil sein Leben für ihn gut ausgegangen ist und weil er viele Jahre etwas hatte, das ich allen Schweinen wünschen würde.

Bedauerlicherweise musste Hansi kurze Zeit nach deinem Besuch eingeschläfert werden. Dass Kinder unsere Kinderbuchheld*innen tatsächlich im Dorf Sentana besuchen können, ist ein besonderer Teil unserer wahren Tiergeschichtenreihe. Was macht für dich das Buch auch ohne diese Möglichkeit so überzeugend und wichtig?

Ich glaube, man kann auch Hansis Vermächtnis noch besuchen. Man kann schauen, wo er gelebt hat, Fotos von ihm hängen am Zaun, und man trifft ja auch die Hängebauchschweinchen, die Hansi gut gekannt haben, für die er ein Ziehopa war. Ich war ja nach seinem Tod noch zweimal im Dorf Sentana, und für mich ist er eigentlich immer noch da.

Den Ort, an dem er glücklich gelebt hat, kann man noch besuchen, und ein Stückchen von Hansi ist dort immer noch zu spüren. Wenn man Orte besucht, an denen berühmte Persönlichkeiten gelebt haben, dann trifft man dort immer noch ihre Präsenz an. Ich denke, mit Hansi wird es auch so sein.

Hast du eine persönliche Lieblingsszene in oder ein Lieblingszitat aus dem Buch? Gibt es eine Illustration von Linda Mieleck, die dir besonders am Herzen liegt?

Ich mag die Illustrationen von Linda Mieleck sehr. Die Hängebauchschweinchen sind einmalig süß gezeichnet und Hansi liegt genauso zufrieden in seiner Suhle, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Obwohl es ja ein Tierbuch ist, bin ich ein großer Fan von Linda Mielecks Figurenzeichnungen. Die Menschen in ihren Büchern haben immer eine so authentische Körperhaltung, dass ich sie mir gar nicht lange genug anschauen kann.

Die Schlammszenen im Buch sind meine Lieblingsszenen. Hansi und Matsch sind für mich einfach untrennbar miteinander verbunden. Mein Lieblingszitat im Buch ist das bei seiner Rettung: „Da ist Hansi eine ganze Wagenladung Steine vom Herzen gefallen.“

Man macht sich als Mensch vielleicht gar nicht klar, was Tiere alles mitbekommen, und dass in ihnen so eine Bedrohung und Hoffnung genau das Gleiche auslöst, was es auch in Menschen auslösen würde. Nur weil Tiere sich anders verhalten als Menschen, heißt das ja nicht, dass sie weniger fühlen

Du hast bereits Kinderromane wie »Die Kuh im Pool« und »9 Tage mit Okapi« geschrieben, die lustig und mitreißend sind. Was bedeuten dir persönlich Kinderbücher und warum passt für dich Hansis Geschichte perfekt zu dem Medium Bilderbuch?

Ich habe erst durch das Vorlesen bei meinen eigenen Kindern Bilder- und Kinderbücher wiederentdeckt. In meiner Kindheit habe ich unglaublich viel gelesen, an Büchern (und übrigens auch an Tieren) herrschte in meiner Kindheit kein Mangel. Als Erwachsene habe ich dann das Medium illustriertes Kinderbuch aus den Augen verloren und erst durch meine Kinder wieder gemerkt, wie toll Kinderbücher doch sind.

Ich glaube, über kein von mir geschriebenes Erwachsenenbuch könnte ich mich so freuen wie über ein Kinderbuch. Der Moment, wenn das Paket mit den Autorenexemplaren bei mir ankommt und ich zum ersten Mal das fertige Buch aufschlage und die Illustrationen sehe, ist immer ein ganz besonderer. So viel Freude lösen unbebilderte Erwachsenenbücher bei mir einfach nicht aus.

Für Hansi passt ein Bilderbuch perfekt, weil es ihn ja wirklich gegeben hat und weil man ihn mit Illustrationen so gut einfangen kann. Hinzu kommt, dass Linda Hansi ja gut kannte und dadurch seine Körperhaltung und sein ganzes Sosein so eindrücklich getroffen hat wie keine andere.

Und zum Schluss, ganz im Sinne von Hansi, kommen wir beide natürlich nicht an der Frage vorbei: Buch mit oder ohne Schlammspritzer?

Autorin Sandra Niermeyer erzählt Hansis Geschichte kindgerecht.

Ich bin jemand, der sehr vorsichtig mit Büchern umgeht. Ich mache keine Eselsohren hinein, ich unterstreiche nichts, ich schreibe nichts an den Rand, ich passe auf, dass der Buchrücken intakt bleibt, ich lege das Buch nicht aufgeschlagen mit den Seiten nach unten auf den Tisch, sondern nehme ein Lesezeichen, und ich verleihe meine Bücher nur an Leute, von denen ich weiß, dass sie sie nicht in der Badewanne lesen.

Mich stört es schon, wenn ich ein Buch am Strand lese und hinterher der Sand zwischen den Seiten knirscht. Aber, dachte ich mir, für Hansi sieht das natürlich ganz anders aus. Für ihn ist ein Buch nur ein echtes Buch, wenn es Schlammspritzer hat. Das klingt jetzt vielleicht lustig, aber für mich war es eine echte Überwindung, die Notizbuchseiten der Autorin im Buch mit Schlammspritzern zu garnieren. Das ist mir wirklich schwergefallen.

Würde mir so etwas in Wirklichkeit passieren, würde ich wohl ewig an dem Buch herumwischen oder es sogar föhnen. Aber da ich mit dem Buch ja Hansi gerecht werden wollte, und nicht meiner Vorsichtigkeit im Umgang mit Büchern, mussten Schlammspritzer zwingend hinein. Hansi bemerkt das ja auch im Buch etwas augenzwinkernd, dass die Autorin schon noch merken wird, wie wichtig Schlamm ist und dass ein Buch über ihn nur echt mit Schlammflecken ist.

Und wie siehst du das, Buch mit oder ohne Schlammspritzer?

 

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